Leseprobe

Werwolf (Dark Fantasy)

[...]
Die Nacht brach in dieser Gegend überraschend schnell herein. Hoch oben zog ein Lämmergeier seine letzten Kreise an einem Himmel, der sich hinter dem zerklüfteten Gipfel des Mont Valier allmählich dunkler färbte. Am Morgen waren seine Versuche, in der armseligen Herberge, in der er die letzte Nacht geschlafen hatte, einen Führer und ein Pferd zu bekommen, gescheitert. Dass keiner der Männer aus dem kleinen Dorf sich bereit erklärt hatte, mit ihm zu kommen - aus Angst vor dem Teufel, der in den Wäldern im Süden des Pais de Foix angeblich umging -, war ärgerlich gewesen, aber dass er gezwungen war, das letzte Wegstück zu Fuß zurückzulegen, machte ihm nichts aus. Im Gegenteil. Obwohl der Boden am Vormittag von einem nächtlichen Regenguss noch nass und schwer gewesen war, hatte er es genossen, den ganzen Tag durch die wilde, majestätische Landschaft zu wandern, weitab von jeglichem Zwang und der Enge der Stadt. Schon seit dem Mittag war er, außer einem Hirten, der ihm den Weg gewiesen hatte, keiner Menschenseele mehr begegnet, und so hatte er den Rock ausgezogen und über die Schulter geworfen, die Halsbinde gelöst und den Dreispitz obenauf in seinen Mantelsack gelegt, in den er zuvor schon seinen langen Reisemantel gestopft hatte. Hier draußen schien er seit Langem endlich wieder richtig atmen zu können, und mehr als einmal war er mitten auf dem schmalen, ausgewaschenen Weg stehen geblieben und hatte den scharfen Wind, der von den Bergen herabwehte und durch die Wälder strich, sein Gesicht liebkosen lassen. Unter den zuweilen recht heftigen Böen hatte sich auch ein guter Teil seines dunklen Haares aus dem Zopf gelöst, zu dem er es gewöhnlich im Nacken zusammengebunden trug. Er hasste Puder und Perücken.
Als die Sonne jetzt allmählich hinter den schroffen, weiß gekrönten Gipfeln der Pyrenäen versank, kroch mit den Schatten auch Kälte in die unzugänglichen Schluchten und versteckten Täler. Sie lag ihm viel mehr als die für die ersten Oktobertage ungewohnte Wärme, die ihm das einfache Leinenhemd auf die Haut geklebt und den Schweiß auf die Stirn getrieben hatte.
Ein schriller Schrei ließ ihn innehalten. Am Waldrand zu seiner Rechten stürzte eine junge Frau strauchelnd und taumelnd zwischen den Bäumen hervor und rannte in panischer Hast die steinige Böschung hinab, genau auf ihn zu. Immer wieder sah sie über die Schulter zurück. In ihrem Entsetzen achtete sie nicht auf das lose Geröll, das unter ihren Schritten ins Rutschen geriet. Sie stolperte, fiel und stürzte den Hang hinab. Mit drei Sätzen hatte er sie erreicht und fing sie auf. Sein Mantelsack und der Rock lagen vergessen auf dem Weg. Ihre Angst drang ihm bitter in die Nase. An ihren aufgeschürften Händen und Armen klebte Blut, ihr Rock und ihre Bluse waren zerrissen.
"Was ist passiert?" Die Art, wie ihre weit aufgerissenen Augen ihn anstarrten, verriet ihm, dass seine Worte sie kaum erreichten. Er packte sie fester und schüttelte sie. "Was ist passiert? Rede! Hat man dich überfallen?"
Ihr Mund bewegte sich, sie stammelte, zuerst nur unverständliche Silben, dann stieß sie Satzfetzen hervor. "Jacques ... der Teufel ... oh Gott, Jacques ... das Blut ... der Teufel ... er hat ihn umgebracht."
Er schaute zum Waldrand, ließ sie mit einem entschiedenen "Bleib hier!", los und eilte den Abhang hinauf, den sie eben heruntergeflohen war.
Sein Herr hatte ihn hierher geschickt, damit er herausfand, was es mit diesem 'Teufel' auf sich hatte, der hier umgehen sollte. Offenbar würde er ihm - oder zumindest einem seiner Opfer - begegnen, noch ehe er überhaupt angekommen war.
Zwischen den ersten Bäumen verlangsamte er seine Schritte, lauschte und ließ den Blick über Gebüsch und Unterholz wandern. Über seinem Kopf tschilpten ein paar Vögel wütend gegeneinander an. Aus dem Augenwinkel nahm er die rasche Flucht eines Hasen wahr. Die junge Frau hatte eine überdeutliche Fährte hinterlassen. Ihre Angst hing selbst hier in der Luft. Sehr viel langsamer als zuvor folgte er den offensichtlichen Zeichen - dem niedergetretenen Gras und den geknickten Zweigen, die ihm den Weg wiesen. Am Ast eines umgestürzten Baumstammes hing ein Fetzen von ihrem Rock. Ihre Schuhe hatten in der mit Moos überzogenen Rinde Spuren hinterlassen. Er kletterte darüber und stieg in eine kleine, schlammige Senke hinunter, die offensichtlich einer Rotte Wildschweine als Suhle diente. Ganz in der Nähe gluckerte ein Bach. Eine Böe trug ihm unvermittelt den Geruch von Blut entgegen, zusammen mit Verwesungsgestank.
Der Körper lag auf der anderen Seite der Senke, halb verborgen hinter einem einsamen Findling. Seine Augen streiften immer wieder wachsam über die Bäume und Sträucher, während er langsam näher heranging. Ein Eichhörnchen beobachtete ihn von seinem schwankenden Hochsitz auf einem Ast aus. Der Gestank nach altem Tod wurde mit jedem Schritt stärker. Er presste Mund und Nase in den Ärmel seines Hemdes und versuchte, möglichst flach zu atmen. Ein Schwarm Fliegen stieg auf, als er neben dem Leichnam niederkniete.
Der Mann war kalt und steif. Er musste bereits mehrere Stunden tot sein, vielleicht schon seit der vergangenen Nacht. Der Boden unter ihm war blutdurchtränkt. Die junge Frau musste ihn gut gekannt haben, um sagen zu können, wer er war, denn das Gesicht war zerbissen.
Etwas mit beachtlichen Fängen hatte die Kehle herausgerissen und sich durch die Bauchdecke bis zu den Eingeweiden hindurchgewühlt. - Welches Raubtier machte sich auf solche Weise über sein Opfer her? Mund und Nase noch immer in seine Armbeuge gedrückt, beugte er sich weiter vor, um sich die Verletzungen genauer anzusehen. - Da war noch etwas ...
Gerade war er im Begriff den Arm zusenken, um etwas tiefer einzuatmen, als er ein Rascheln vernahm. Alarmiert wollte er sich aufrichten und umdrehen, während seine Hand gleichzeitig zu dem Messer in seinem Stiefel zuckte. Doch das doppelte Klicken, mit dem zwei Spannhähne zurückgezogen wurden und einrasteten, ließ ihn erstarren, noch ehe eine Stimme ihm "Rühr dich nicht!" befahl. Hinter ihm schmatzten Schritte, dann spürte er den kalten Doppellauf einer Muskete in seinem Nacken.
[...]

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