Leseprobe

Der Kuss des D├Ąmons (Dark Fantasy)

[...]
Als ein neuerliches Krachen erklang, folgte ich den Ger├Ąuschen. Ich fand DuCraine in einer winzigen Abstellkammer eingeh├╝llt in eine Wolke aus Staub. Zu seinen F├╝├čen und um ihn herum lagen die ├ťberreste von etwas, was einmal ein Wandregal gewesen sein musste, das scheinbar aber - aus welchen Gr├╝nden auch immer - ├╝ber ihm zusammengebrochen war. Dazwischen lagen die ├ťberreste der alten Requisiten verteilt, die wohl bis eben auf dem Regal gestanden hatten. Gerade ging er - noch immer hustend und in einer unverst├Ąndlichen Sprache fluchend - neben einem Berg Bretter in die Knie. Vorsichtig r├Ąumte er einige davon beiseite, ehe er unter den ├╝brigen etwas behutsam hervorzog. Ich machte einen Schritt auf ihn zu und sp├Ąhte ├╝ber seine Schulter. Er hielt eine alte Geige in den H├Ąnden, von der er soeben den Staub wischte. An ihrer Seite war ein tiefer Kratzer im blind gewordenen Lack.
"Bist du in Ordnung?"
Schaf, das ich war. Welcher Teufel hatte mich geritten, anzunehmen, er w├╝rde auf meine Frage mit etwas anderem als Feindseligkeit reagieren? Offenbar hatte er meine Anwesenheit bis eben nicht bemerkt, denn er fuhr mit einem Knurren zu mir herum und starrte mich w├╝tend an. ├ťber seiner Braue war ein tiefer Riss.
"Du blutest ja."
Er stand im gleichen Augenblick auf, in dem ich die Hand nach seiner Stirn ausstreckte. Ich sah nicht, wie er sich bewegte, doch er fing meine Hand nur ein paar Zentimeter vor seinem Gesicht ab. Sein Griff an meinem Handgelenk hatte etwas von einer Stahlklammer. ├ťber dem Rand der dunklen Gl├Ąser zogen sich seine Brauen zornig zusammen.
"Lass mich zufrieden, Warden."
"Aber du ... au!" Er hatte mich in einer br├╝sken Bewegung so hart zur├╝ckgesto├čen, dass ich r├╝cklings gegen den T├╝rrahmen geprallt war.
Mit bedrohlicher Langsamkeit trat er ganz dicht vor mich. Die Geige hielt er immer noch in der Hand. "Wo hab ich mich auf diesem Berg nicht verst├Ąndlich genug ausgedr├╝ckt? - Bleib mir vom Leib! Kapiert?"
"Nichts lieber als das, du Idiot!" Ich stie├č ihm die H├Ąnde vor die Brust - mit dem gleichen Erfolg wie auf dem Peak -, doch dieses Mal machte er freiwillig einen Schritt zur├╝ck. "Hoffentlich erschlagen die Bretter dich das n├Ąchste Mal."
Zur Antwort verzog er h├Âhnisch den Mund, dann dr├Ąngte er sich an mir vorbei und stapfte aus der Kammer. Ich sah ihm nach, wie er quer ├╝ber die B├╝hne marschierte und seitlich an ihrem vorderen Rand hinuntersprang. Wenn er dachte, ich w├╝rde das Chaos, das er hier angerichtet hatte, beseitigen, dann irrte er sich gewaltig.
Ich stie├č mich vom T├╝rrahmen ab und ging zu meinem M├╝llsack zur├╝ck. Ein abgerissenes St├╝ck Sperrholz, auf dem noch ein alter Plakatfetzen klebte, lag auf meinem Weg. Gerade wollte ich mich b├╝cken, um es mitzunehmen und zu dem ├╝brigen M├╝ll zu stopfen, als ├╝ber mir ein Knall und ein Krachen erklang. Ich riss den Kopf in die H├Âhe. Pl├Âtzlich schien alles gleichzeitig zu geschehen. Und obwohl ich wie gel├Ąhmt auf den herabst├╝rzenden Wust aus Seilen und Brettern ├╝ber mir starrte, hatte ich das Gef├╝hl, mit einem Mal alles um mich herum in einem vollen Dreihundertsechzig-Grad-Winkel wahrnehmen zu k├Ânnen. Da waren die anderen, die mit aufgerissenen Augen zu mir her und nach oben sahen. DuCraine, der an der Seite der B├╝hne mit der ihm eigenen gef├Ąhrlichen Geschmeidigkeit in den Schatten herumfuhr. Das zischende Ger├Ąusch, mit dem ein Seil sich irgendwo durch Flaschenz├╝ge schl├Ąngelte, w├Ąhrend etwas in mir "Renn!" schrie und mein Verstand gar nicht begriff, was diese Stimme von mir wollte. Ich starrte einfach nur auf das dunkle Gebilde, das auf mich zust├╝rzte. Im allerletzten Bruchteil der Sekunde, vor der es mich unter sich begraben h├Ątte, wurde ich zur Seite gerissen. Ich schlug hart auf den Boden auf. Etwas - jemand - lag mit seinem ganzen Gewicht auf mir und hielt die Arme ├╝ber seinen und meinen Kopf, w├Ąhrend um uns herum Holz- und Metallst├╝cke herabprasselten. Wieder erklang ein Krachen, gefolgt von dem Unheil verk├╝ndenden Zischen, und ein weiterer Teil der B├╝hnenmaschinerie geriet ├╝ber uns in Bewegung. Dieses Mal schaffte ich es zu schreien. Sehr laut und sehr durchdringend. Einen Sekundenbruchteil sp├Ąter rollte ich an eine harte Brust gepresst ├╝ber den Boden. Dort, wo wir eben noch gelegen hatten, krachte eine ganze Arbeitsgalerie auf die B├╝hne. Seile schlugen zu beiden Seiten davon auf. Dann schrie ich wieder, weil unvermittelt kein Boden mehr unter uns war und ich ins Nichts zu fallen glaubte. Das Nichts endete nach einem knappen Meter auf dem Saalboden zwischen dem B├╝hnenrand und einer Mauer aufeinandergestapelter St├╝hle. Unter mir lag Julien DuCraine. Seine Arme hielten mich so fest umklammert, dass ich kaum atmen konnte. Mein erschrockenes Gesicht spiegelte sich in den dunklen Gl├Ąsern seiner Brille. Sie war verrutscht. ├ťber ihre R├Ąnder hinweg blickte ich in seine Augen. Sie waren grau. Ein seltsam schimmerndes und glimmendes Grau, das seine Schattierung fortw├Ąhrend zu ├Ąndern schien. Quecksilbern. Er erwiderte meinen Blick. Die Zeit stand still - einfach so. Seine Hand bewegte sich meinen R├╝cken aufw├Ąrts, legte sich in meinen Nacken, zog mich tiefer ...
"Ist euch etwas passiert? Seid ihr verletzt?"
Die Zeit machte einen erschrockenen Satz und tickte dann hastig weiter, um aufzuholen, was sie vers├Ąumt hatte, als Mr Barrings auf uns zugehumpelt kam, so schnell ihm das seine Kr├╝cken erlaubten. DuCraine stie├č unter mir ein Grollen aus, das jedem missgelaunten L├Âwen Ehre gemacht h├Ątte, nahm die Arme von meinem R├╝cken, schob die Brille an ihren Platz zur├╝ck und schubste mich gleichzeitig von seiner Brust. Ich landete zwischen den aufgestapelten St├╝hlen und h├Ątte sie um ein Haar zum Einsturz gebracht. Hinter Mr Barrings scharten sich die anderen um uns. Aufgeregt redeten sie durcheinander, doch meine ganze Aufmerksamkeit galt der B├╝hne. Genauer gesagt den Brettern, Seilen und Metallteilen, die in einem einzigen Tr├╝mmerhaufen darauf verteilt waren. Dort, wo ich nur ein paar Sekunden zuvor noch gestanden hatte.
"Ist auch wirklich alles in Ordnung mit euch?", fragte Mr Barrings noch einmal. Ich nickte schwach, rappelte mich zwischen den St├╝hlen auf und sah zu DuCraine. Auch er nickte, w├Ąhrend er sich elegant vom Boden erhob, als w├Ąre nichts geschehen. Mr Barrings stie├č erleichtert den Atem aus. Ganz langsam sickerte ein Gedanke in meinen Verstand: Julien DuCraine hat mir gerade das Leben gerettet.
DuCraine schien meine Gedanken gelesen zu haben, denn noch ehe ich den Versuch unternehmen konnte, mich bei ihm zu bedanken, sch├╝ttelte er den Kopf.
"Bilde dir blo├č nichts ein, Warden. Du warst meine gute Tat f├╝r heute. Mehr nicht. Vergiss es also am besten ganz schnell wieder!", knurrte er mich an, so leise, dass nur ich es h├Âren konnte, dann schob er sich an mir vorbei und dr├Ąngte sich durch die anderen hindurch.
[...]

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