Leseprobe

Das Herz des D├Ąmons (Dark Fantasy)

[...]
Bei der Erinnerung daran, was beim letzten Mal passiert war, als ich mich mit Susan und dem Rest der Clique im Ruthvens hatte treffen wollen, zog ich unwillk├╝rlich die Schultern hoch. Offenbar entging das den anderen nicht.
"Nat├╝rlich mit Julien", schob Susan hastig nach. Das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Damals - bei ihrer Geburtstagsparty - hatte sie ihn n├Ąmlich ausdr├╝cklich nicht dabeihaben wollen. Unsere Verabredung hatte damit geendet, dass eine Gruppe Typen mich auf dem Abbruchgel├Ąnde in der N├Ąhe des Clubs herumgehetzt hatte. Das glaubten zumindest meine Freunde. Die Wahrheit sah ein klein wenig anders aus. Nicht dass ich vorhatte, sie ihnen zu offenbaren und damit ihre Todesurteile zu unterschreiben.
"Ich frag ihn. Vielleicht hat er ja Lust." An ihr vorbei sah ich zur T├╝r der Cafeteria. Inzwischen war das eine verdammt lange Viertelstunde. An der Essensausgabe nahm Tyler sich gerade ein Tablett vom Stapel und reihte sich in die Schlange ein.
"Wir m├╝ssen uns auch unbedingt mal wieder zu einem DVD-Abend treffen. Oder zu einer Runde Scharade."
Beth lehnte sich kichernd auf ihrem Stuhl zur├╝ck. "O ja, Scharade. - Nicht b├Âse sein, Dawn, aber ich w├╝rde Julien zu gerne mal beim Scharadespielen erleben."
Irritiert l├Âste ich den Blick von der T├╝r und schaute sie an. "Ich werd ihn fragen, ob er mal Lust dazu hat."
Die Stirn gerunzelt, beugte Susan sich ├╝ber den Tisch. "Du bestimmst aber schon noch selbst ├╝ber dein Leben - ich meine, zumindest ob du etwas mit deinen Freunden unternehmen willst, oder? Sei mal ehrlich, Julien l├Ąsst dich ja keine Sekunde aus den Augen, wenn er es irgendwie vermeiden kann. Ihr wohnt zusammen in einem Haus ... Ich finde, das ist schon irgendwie ziemlich - na ja, strange."
Ich sah mit einer Mischung aus Frustration und ├ärger zu ihr hin├╝ber. Wenn sie gewusst h├Ątte, wie strange mein Leben war, seit ich mit Julien zusammen war, h├Ątte sie eventuell dar├╝ber nachgedacht, die netten Herren in den wei├čen Kitteln mit diesen ganz gewissen Jacken zu rufen - oder vielleicht besser gleich einen Exorzisten.
"Keine Sorge. Ich treffe meine Entscheidungen schon selbst. Und ich kann tun und lassen, was ich will. Er sperrt mich zu Hause nicht irgendwie in einen K├Ąfig oder so." Mein Ton verriet Susan offenbar, dass sie gerade gef├Ąhrlich am Rand eines riesigen Fettnapfes entlangbalancierte. So wie ich es beabsichtigt hatte.
"Wenn du mich fragst, w├╝rde ich ihm genau das zutrauen."
Ich fuhr herum. Hinter mir stand Neal und dr├╝ckte sich ein Taschentuch gegen die Lippe. Es war rot. Das konnte nur eins bedeuten - O gro├čer Gott! Auch die anderen sahen geschockt auf. Die F├╝├če meines Stuhls kreischten ├╝ber den Boden.
"Was ist passiert? Wo ist Julien?" Ich war schneller auf den Beinen, als er zur├╝ckweichen konnte.
"Dein Freund ist ein Freak, Dawn."
"Und du ein Idiot, Neal! - Wo ist er?", fuhr ich ihn an. Er ma├č mich mit zusammengekniffenen Augen und ich ballte die F├Ąuste, w├Ąhrend ich gleichzeitig einen Schritt auf ihn zumachte. Endlich wies er mit dem Kinn zur Cafeteriat├╝r. "Im Jungsklo am Hauptkorridor. Als ich ihn zuletzt gesehen hab, meinte er, ich solle mich verziehen, ehe er mir an die Kehle geht." Er schnaubte. Grob schob ich ihn weg, stie├č dabei einem Jungen, der gerade hinter Neal vorbeiging, das Tablett aus den H├Ąnden, das krachend auf den Boden schlug und seine Last ├╝berallhin verspritzte. Ich dr├Ąngelte mich durch die ├╝brigen Sch├╝ler in der Cafeteria und rannte in den Korridor.
"Dein Freund ist komplett irre!", rief Neal mir nach, als wolle er sicherstellen, dass es auch ja die gesamte Schule mitbekam. Verdammter Idiot! Und so etwas hatte ich mal f├╝r einen Freund gehalten.
Ich erreichte das Jungsklo in Rekordzeit, riss die T├╝r auf und sah mir selbst aus einem gesprungenen Spiegel entgegen. Der scharfe Geruch lie├č mich beinah einen Schritt zur├╝ckweichen. Wie in drei Teufels Namen hatte Neal Julien hier reingekriegt? Jenseits der Mauer, die die Waschbecken von den Toiletten und Urinalen trennte, krachte es. Mein Herz klopfte hart, als ich mich dem Durchgang n├Ąherte und in den bis in Augenh├Âhe gefliesten Raum dahinter sp├Ąhte. Ein umgeworfener Plastikm├╝lleimer. Gebrauchte Papierhandt├╝cher lagen ├╝ber den Boden verteilt, als w├Ąre ein Wirbelsturm hindurchgefahren. Zwei demolierte Toilettent├╝ren. Eine war in der Mitte durchgebrochen, die Einzelteile hingen nur noch in ihren Angeln. Die zweite ragte verkantet aus ihrem Rahmen. Von einem der Urinale war ein St├╝ck Rand abgebrochen. Julien stand einen knappen halben Meter vor der Wand direkt neben dem Durchgang. Mehr als ein gutes Dutzend Fliesen war zerschlagen. Die in seiner direkten N├Ąhe hatten rote Schmieren. Jeder seiner Atemz├╝ge war ein Zischen.
"Julien?", sagte ich leise und vorsichtig.
Ganz langsam drehte er mir den Kopf zu. Aus seiner Kehle kam ein Knurren. Er fletschte die Z├Ąhne. Ich musste seine Augen nicht sehen, um zu wissen, dass sie tiefschwarz waren. Ein kleiner Teil von mir fragte sich, ob er mich ├╝berhaupt erkannte. Wieder ein Knurren. Erst jetzt wurde mir klar, dass es kaum verst├Ąndliche Worte waren, rau und guttural. "Hau! Ab!"
"Julien, ich ... "
Er bewegte sich so schnell, dass ich unwillk├╝rlich einen Schrei ausstie├č. Pl├Âtzlich war ich zwischen ihm und dem Rahmen des Durchgangs gefangen. Seine Z├Ąhne waren un├╝bersehbar viel zu lang f├╝r einen Menschen. Ich presste mich gegen die schmale Mauer und versuchte das Zittern in meinem Inneren zu beherrschen. Er stemmte eine Hand ├╝ber meinem Kopf gegen die Fliesen. An seinen Kn├Âcheln hing Blut, zu viel, um nur von Neals Lippe zu sein. Die andere schloss sich um meine Kehle. Ich schluckte und bog den Kopf zur├╝ck, so weit ich konnte. Seine Oberlippe hob sich, er ├Âffnete den Mund ein wenig. Wieder ein Knurren. Diesmal keine Worte.
"Julien ... " Ganz langsam legte ich die H├Ąnde auf seinen R├╝cken, schob sie aufw├Ąrts Richtung Schultern. Er erstarrte mitten in der Bewegung. Behutsam verst├Ąrkte ich den Druck, zog ihn an mich heran, sagte seinen Namen. "Julien Du Cranier." Nicht das englische "Julien DuCraine", unter dem ihn hier alle kannten, sondern die franz├Âsische Variante. So, wie er eigentlich hie├č. Das Knurren wurde zu einem Zischen. Ich sprach seinen Namen noch einmal aus. Leise, sanft. Unter meinen H├Ąnden spannte sein K├Ârper sich. Seine Z├Ąhne streiften meine Kehle.
[...]

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